Die Geschichte der Antioxidantien und die 'Nächste Generation': Warum tauchen ständig neue Inhaltsstoffe auf?
Das Wort “Antioxidans” hört man fast jeden Tag.
Vitamin C, Vitamin E, Polyphenole, Catechine, Lycopin, Astaxanthin und in jüngerer Zeit Proanthocyanidine aus Kiefernrinde (Markenname: Flavangenol®) und französischer Seekieferrindenextrakt (Markenname: Pycnogenol®)…
Wie in einem Superheldenfilm tauchen nacheinander neue “stärkste Antioxidantien” auf und werden zum Gesprächsstoff. Aber wundern Sie sich nicht manchmal?
“Warum reichen Vitamin C und E nicht aus?” “Warum wird immer nach ’neuen’ Inhaltsstoffen gesucht?”
In diesem Artikel werden wir den historischen Hintergrund der Entdeckung von Antioxidantien, die Geschichte hinter dem Polyphenol-Boom und die wissenschaftlichen und industriellen Gründe aufdecken, warum immer wieder “Inhaltsstoffe der nächsten Generation” auftauchen.
Prolog: Die unendliche Reise zum “Stärksten”
Die Beziehung der Menschheit zum Sauerstoff war schon immer ein Kampf gegen “Oxidation (Rosten)”. Die Gleichung “Antioxidans = Gut” etablierte sich jedoch erst relativ spät im späten 20. Jahrhundert.
Was von da an begann, war eine unendliche Reise auf der Suche nach einem “stärkeren Rostentferner”.
1. Generation: Entdeckung der Vitamine. Der Kampf gegen den “Mangel” (~1950er Jahre)
Die ersten entdeckten Antioxidantien waren eine Gruppe von Verbindungen, die später “Vitamine” genannt wurden.
Motivation für die Entdeckung war “Krankheitsbehandlung”
Anfangs wurden diese nicht als “Anti-Aging-Mittel” entdeckt, sondern als überlebenswichtige Bestandteile, um tödliche Mangelkrankheiten zu verhindern.
- Vitamin C: Entdeckt als Bestandteil zur Vorbeugung von Skorbut (einer Krankheit, bei der Blutgefäße brüchig werden und zu tödlichen Blutungen führen).
- Vitamin E: Entdeckt als Bestandteil zur Vorbeugung von Unfruchtbarkeit (Verhinderung der fötalen Resorption bei Ratten).
In dieser Ära war die antioxidative Wirkung (obwohl das Konzept selbst noch vage war) lediglich Teil der “Funktionen zur Erhaltung des Lebens”. “Solange man Vitamine nimmt, bleibt man gesund” — das war der gesunde Menschenverstand der 1. Generation.
Der Wendepunkt: Schock der “Theorie der freien Radikale des Alterns” (1956)
Der Paradigmenwechsel erfolgte 1956 mit der von Dr. Denham Harman vorgeschlagenen “Theorie der freien Radikale des Alterns”.
“Altern ist die Ansammlung von Prozessen, bei denen reaktive Sauerstoffspezies (freie Radikale), die durch Atmung erzeugt werden, Zellen rosten lassen und zerstören.”
Diese Theorie war revolutionär. Denn es etablierte sich folgender Syllogismus:
- Die Ursache des Alterns ist “Oxidation”.
- Antioxidantien verhindern “Oxidation”.
- Wenn man also Antioxidantien zu sich nimmt, kann man das Altern verhindern (Unsterblichkeit wird möglich)!
Von hier an wurden Antioxidantien von einfachen Nährstoffen zu “Anti-Aging-Wunderwaffen” erhoben.
2. Generation: Das französische Paradoxon und der “Polyphenol”-Boom (1990er~)
Zu Beginn der 1990er Jahre erregte ein Phänomen Aufmerksamkeit, das allein durch Vitamine nicht erklärt werden konnte. Das ist das “französische Paradoxon”.
“Warum haben Franzosen weniger Herzkrankheiten?”
Franzosen konsumieren große Mengen an tierischen Fetten wie Butter und Fleisch und haben hohe Raucherquoten. Der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass sie von Herzinfarkten geplagt sein sollten. Tatsächlich war ihre Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten jedoch im Vergleich zu anderen westlichen Ländern niedriger.
Als Schuldiger (Wohltäter) wurde der “Rotwein” identifiziert, den sie jeden Tag tranken.
“Pflanzenbitterkeit” steht im Mittelpunkt
Die Hypothese, dass Polyphenole (Resveratrol, Proanthocyanidine usw.) im Rotwein starke antioxidative Wirkungen haben und die Oxidation von LDL-Cholesterin verhindern, eroberte die Welt.
Von hier an übernahmen “Bitter-, Adstringenz- und Pigmentkomponenten (Phytochemikalien)”, die von Pflanzen produziert werden, um sich vor UV-Strahlen und Schädlingen zu schützen, plötzlich die Hauptrolle.
- Catechine im Tee
- Isoflavone in Sojabohnen
- Lycopin in Tomaten
- Kakao-Polyphenole in Kakao
Im Gegensatz zu Vitaminen sind dies keine “essenziellen Nährstoffe (ohne sie stirbt man nicht)”. Jedoch explodierten sie als “Substanzen, die das Gesundheitsniveau um eine Stufe anheben” den Markt für Nahrungsergänzungsmittel.
Aufstieg der “Super-Antioxidantien”: Flavangenol® und OPC
Mit fortschreitender Polyphenol-Forschung erschienen Inhaltsstoffe, die eine stärkere antioxidative Kraft beanspruchten, wie “X-mal Vitamin C, Y-mal Vitamin E”. Der Vertreter hierfür ist Kiefernrindenextrakt.
Entdeckung von OPC (Oligomere Proanthocyanidine)
In den 1940er Jahren entdeckte Dr. Jack Masquelier eine Gruppe von Komponenten namens OPC aus Traubenkernen und Kiefernrinde, die eine extrem starke antioxidative Kraft und gefäßschützende Wirkungen hatten.
Dies wurde später als Marke etabliert und erschien unter Namen auf dem Markt wie:
- Französischer Seekieferrindenextrakt (Markenname: Pycnogenol®): Eine eingetragene Marke von Horphag Research, Schweiz.
- Aus Kiefernrinde gewonnene Proanthocyanidine (Markenname: Flavangenol®): Eine eingetragene Marke von Toyo Shinyaku Co., Ltd., Japan.
Der Inhalt sind beide Extrakte, die hauptsächlich aus OPC bestehen, das aus Seekiefernrinde im Südwesten Frankreichs gewonnen wird.
Warum sind “Neue Namen” notwendig? (Industrieller Hintergrund)
Hier wird die Antwort auf die Frage “Warum erscheinen nacheinander Inhaltsstoffe mit neuen Namen?” sichtbar. Es gibt nicht nur wissenschaftliche Gründe, sondern auch dringende industrielle Gründe.
- Kommodifizierung von Vitaminen: Vitamin C und E können von jedem billig hergestellt werden, daher ist eine Differenzierung unmöglich. Zu sagen “Enthält Vitamin C!” hat keine starke Anziehungskraft mehr.
- Patente und Marken: Inhaltsstoffe, die durch Herstellungspatente oder Marken geschützt sind, wie Pycnogenol® und Flavangenol®, ermöglichen exklusive Verkäufe und die Aufrechterhaltung einer hohen Wertschöpfung (hoher Preis).
- Sehnsucht nach einer “Wunderwaffe”: Verbraucher sind mit aktuellen Nahrungsergänzungsmitteln nie zufrieden. Als Reaktion auf das Bedürfnis, dass “es etwas Wirksameres geben muss”, müssen Hersteller weiterhin neue Geschichten von “X-mal der Kraft herkömmlicher Mittel” liefern.
Warum kommt das “Nächste”? Wissenschaftlicher Wandel zur 3. Generation
Bei der Reise, “starke Antioxidantien” zu finden, wurden jedoch auch wissenschaftliche Grenzen sichtbar. Dies wird als das “Antioxidans-Paradoxon” bezeichnet.
Groß angelegte klinische Studien seit den 2000er Jahren haben nacheinander schockierende Daten gemeldet: “Die Einnahme großer Mengen an antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln reduziert nicht unbedingt Krankheiten oder verlängert die Lebensdauer (und erhöht in einigen Fällen die Sterblichkeit).”1
Vom “Müllschlucker” zum “Kommandanten (Signal)”
Es ist klar geworden, dass es Grenzen für Antioxidantien als bloße “Müllschlucker” gibt, die einfach reaktive Sauerstoffspezies eliminieren. Reaktiver Sauerstoff ist kein “Übel”, das vollständig eliminiert werden sollte, sondern auch ein wichtiges “Signal”, das die Abwehrreaktionen des Körpers einschaltet.
Was daher derzeit Aufmerksamkeit erregt, sind Antioxidantien der 3. Generation.
- Nrf2-Aktivatoren: Curcumin (Kurkuma), Sulforaphan (Brokkoli) usw. Diese haben eine schwache Kraft, um reaktiven Sauerstoff direkt zu eliminieren, aber indem sie das Abwehrsystem des Körpers (Nrf2-Weg) EINSCHALTEN, mobilisieren sie die körpereigenen antioxidativen Enzyme (SOD, Katalase usw.).
- Mitohormesis: Das Konzept, dass “eine kleine Menge Gift zu Medizin wird”. Es wird erwartet, dass Zellen gestärkt werden, indem absichtlich leichter Stress ausgeübt wird.
Hinter dem Auftauchen von “neuen Inhaltsstoffen” steht nicht nur ein Marketinggrund, sondern auch eine wissenschaftliche Entwicklung des Ansatzes vom “direkten Eliminieren” zum “Herausholen der Körperkraft”.
Fazit: Ein Orchester ohne Helden
Wenn wir auf die Geschichte der Antioxidantien zurückblicken, scheint es, als hätten wir immer nach “einem einzigen Superhelden gesucht, der alles löst”.
Was uns jedoch die neueste Wissenschaft sagt, ist die Tatsache, dass “kein einzelner stärkster Inhaltsstoff existiert”.
- Vitamin C schützt wasserlösliche Bereiche
- Vitamin E schützt Zellmembranen
- OPC (Flavangenol usw.) stärkt Gefäßwände
- Polyphenole schalten Gene ein
Nur wenn diese wie ein Orchester in ihren jeweiligen Positionen zusammenspielen, ist unser Körper geschützt.
Es ist nicht schlecht, sich auf “die neuesten Inhaltsstoffe” zu stürzen, aber wenn Sie die “alten Vitamine” und die “Vielfalt der täglichen Ernährung” an der Basis vernachlässigen, wird kein Super-Antioxidans jemals seinen wahren Wert entfalten.
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Referenzen
Bjelakovic G, et al. Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA. 2007;297(8):842-857. (Eine berühmte Metaanalyse, die darauf hindeutet, dass antioxidative Nahrungsergänzungsmittel die Sterblichkeit nicht senken und sie möglicherweise erhöhen) ↩︎